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Brad Mehldau: Ride Into The Sun (Review)

Artist:

Brad Mehldau

Brad Mehldau: Ride Into The Sun
Album:

Ride Into The Sun

Medium: CD/Download/Do-LP
Stil:

Jazz, Piano-Jazz, Crossover, Folkpop, Singer-Songwriter-Cover

Label: Nonesuch Records/Warner Music
Spieldauer: 72:49
Erschienen: 29.08.2025
Website: [Link]

"Eines der charakteristischen Merkmale, die das Werk von BRAD MEHLDAU auszeichnen, ist sein außergewöhnlich nuancierter Ansatz bei der Interpretation eines personalisierten Kanons von Rock-Pop-Songs aus der Zeit nach den 1960er Jahren", schreibt der renommierte "Jazzwise"-Experte Selwyn Harris recht nüchtern zum neuesten Meisterstück des wohl besten, zumindest wichtigsten Jazz-Pianisten der Gegenwart. "Seine Interpretationen von The Beatles - wie in seiner jüngsten Soloaufnahme "Your Mother Should Know" (2023) -, Nick Drake, Paul Simon bis hin zu Radiohead sind geprägt von einer Detailtreue und tiefen Ehrfurcht, die ein klassischer Musiker normalerweise dem Repertoire eines Komponisten entgegenbringt." 

Mit höchsten Erwartungen nähert man sich also "Ride Into The Sun", untertitelt "BRAD MEHLDAU performs songs of and inspired by Elliott Smith". Man weiß nur zu gut: Stil-Grenzen, gar ein genügsames Verharren im Jazz-Elfenbeinturm, das gibt es für diesen Musiker schon lange nicht mehr. Ja, eigentlich gab es das noch nie in seiner über 30-jährigen Karriere als Solokünstler und als Teamplayer. Von Klassik (mit Bach-, Mozart- oder Fauré-Adaptionen) über Folk und Pop bis Progressive-Rock, Spiritual- und Avantgarde-Musik nähert sich MEHLDAU allen "fremden" Genres mit der selben Neugier und der selben traumwandlerischen Virtuosität wie seinem eigentlichen Metier. 


Wenn der seit kurzem 55 Jahre alte US-Amerikaner nun dem tragischen Singer-Songwriter Elliott Smith (1969-2003) ein ganzes Album (mit Bonus-Content, dazu gleich mehr) widmet, dann ist eigentlich schon vorher klar: Das wird etwas Besonderes, ein ambitionierter Brückenschlag, hier wird sich ein genialer Musiker ganz tief in Cover-Versionen versenken (man schaue sich nur mal die Live-im-Studio-Videos an). 

Und so ist es auch. Mit "Ride Into The Sun" schafft BRAD MEHLDAU das bemerkenswerte Kunststück, den melancholischen Kern von zehn Smith-Liedern freizulegen, die wunderschönen Melodien aber nicht lediglich respektvoll nachzuspielen, sondern sie mit Improvisationen und Abschweifungen zu erweitern - und in vier Eigenkompositionen seine ganz persönliche Lesart des depressiven, mit nur 34 Jahren durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Songwriter-Genies zu präsentieren.


Das langjährge MEHLDAU-Label 'Nonesuch' spricht von einem "Songbook-Album", das der in alle Richtungen offene Jazz-Piano-Großmeister mit einigen herausragenden, ebenfalls genre-unabhängigen Musikern aufnahm. 

Daniel Rossen von der Artpop-Band Grizzly Bear sowie Chris Thile von den Punch Brothers und Nickel Creek übernahmen Vocals und Gitarre beziehungsweise Mandoline, Felix Moseholm und John Davis spielten Bass, der Top-Schlagzeuger Matt Chamberlain (Pearl Jam, Fiona Apple, David Bowie, Randy Newman etc pp.) steuerte die gelegentlich muskulös rockigen Drums bei. Hinzu kam hier und da ein Kammerorchester unter der Leitung von Dan Coleman, der bereits auf dem BRAD MEHLDAU-Album "Highway Rider "(2010) dirigiert hatte.


"Ride Into The Sun" mag ein paar Einwände auf sich ziehen: die Orchester-Parts, etwa in "Better Be Quiet Now", "Somebody Cares, Somebody Understands" oder in "Conclusion" - vielleicht doch allzu üppig; die Gesangsbeiträge - eher in behaglicher Indiepop-Nähe; das ganze Mehldau-meets-Smith-Projekt - lediglich ein weiterer Crossover-Clou des Maestro. Das übliche puristische Gemoser der Jazz-Polizei eben. Doch diese Kritiker konnten wohl auch schon mit Mehldaus früheren Anverwandlungen der Fab Four, von Nick Drake, Paul Simon, Radiohead, Jimi Hendrix oder den Beach Boys nichts anfangen. 

HInter all den hochintensiven, teils ausufernden Versionen von Pop-, Rock- und Folksongs steht bei MEHLDAU - neben dem konsequenten Ignorieren der gestrengen Jazz-Polizei - eine tiefe Bewunderung, ja Liebe für die gecoverten Künstler. Dabei stellt er gern mal (nachvollziehbare) Querverbindungen her. So war auf "Your Mother Should Know: BRAD MEHLDAU Plays The Beatles" zum Abschluss eine sehr eigenen Fassung von David Bowies "Life On Mars?" zu hören. Elliott Smiths Lieder ergänzt er mit seiner Interpretation von Big Stars "Thirteen" (das auch Smith einst gecovert hatte) und von Nick Drakes "Sunday". Für MEHLDAU ist der britische Folk-Pionier (1948-1974) nämlich "eine Art visionärer Pate von Smith" - wohl nicht nur wegen der ähnlich traurigen, viel zu kurzen Lebensgeschichte.


Der Jazz-Pianist entdeckte Elliott Smiths Musik nach seinem Umzug von New York nach Los Angeles, wo er die berühmte Singer-Songwriter-Szene rund um den Club "Largo" kennenlernte. "Dort traf man auf Elliott, aber auch auf Leute wie Rufus Wainwright oder Fiona Apple", erinnert sich BRAD MEHLDAU. "Freitagabends kamen auch erfahrene Musiker:innen vorbei und setzten sich zur Session unter der Leitung von Jon Brion auf die Bühne. Ich spielte mit Jon hinter Elliott - das fühlte sich an wie eine kleine Renaissance des Songwritings, die sich über mehrere Jahre hielt."


Für MEHLDAU ist das neue Album viel mehr als eine weitere kollegiale Verbeugung vor einem sehr guten, sehr jung verstorbenen Singer-Songwriter: "Elliott Smith beherrschte das Wechselspiel aus Licht und Schatten meisterhaft - nicht zuletzt über seine ganz eigene Harmonik. Er kombinierte Dur- und Mollklänge auf seine Art. Man hört das zum Beispiel im faszinierenden Akkordwechsel gegen Ende von 'Tomorrow Tomorrow' - er taucht nur ganz kurz auf, direkt vorm letzten Vers. Ich greife ihn auf und dehne ihn für mein Pianospiel aus. Dieses Spannungsfeld aus Moll und Dur hat eine lange Tradition - für mich schwingen da auch Schubert oder Brahms mit.“


Der klassisch ausgebildete BRAD MEHLDAU betont neben dem musikwissenschaftlichen Interesse für Elliott Smith auch seine tiefe emotionale Beziehung, etwa zum Album-Opener "Better Be Quiet Now“: "Ein Trennungssong, so zart wie schmerzvoll. Der Protagonist lächelt traurig beim Abschied: Smiling through tears - so hat ein Brahms-Biograf einmal ein Stück von ihm beschrieben. Genau das trifft es hier.“ Der Albumtitel entstammt dem Song "Colorbars", in dem Smith singt: "Everyone wants me to Ride Into The Sun". Dazu sagt MEHLDAU: "Wenn ich Musik höre, habe ich manchmal das Gefühl, in Verbindung zu treten mit jemandem, der nicht mehr hier ist - so wie mit ihm. Dieses 'Ride Into The Sun' - vielleicht ist es ein ewiges Weiterreiten in Richtung Licht. Keine Ahnung… da ist etwas Mystisches.“


FAZIT: Seine Jazz-Cover von Nick Drake, Paul Simon, Radiohead oder den Beatles sind legendär. Daher war die Frage: Klappt das nochmal, gelingt BRAD MEHLDAU bei der melancholischen Singer-Songwriter-Musik von Elliott Smith ein ähnlich genialer Brückenschlag? Die Antwort: ein klares Ja (wenn man nichts Grundsätzliches gegen Crossover, etwa die Annäherung von Jazz an den Pop, einzuwenden hat). Wie schon die im Juni veröffentlichte Midnight-Jazz-Annäherung des schottischen Colin Steele Quartet an den Sophisticated-Pop von The Blue Nile (14 von 15 Musikreviews-Punkten!) ist auch "Ride Into The Sun" ein Musterbeispiel für die grenzüberschreitende Würdigung schlichtweg großartiger Musik. Ob wir das Ergebnis nun eher beim Jazz verorten, beim Pop oder beim Songwriter-Folk, spielt da doch überhaupt keine Rolle.

Werner Herpell (Info) (Review 164x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 13 von 15 Punkten [?]
13 Punkte
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Tracklist:
  • Better Be Quiet Now
  • Everythings Means Nothing To Me
  • Tomorrow, Tomorrow
  • Sweet Adeline
  • Sweet Adeline Fantasy
  • Between The Bars
  • The White Lady Loves You More
  • Ride Into The Sun: Part 1
  • Thirteen
  • Everybody Cares, Everybody Understands
  • Somebody Cares, Somebody Understands
  • Southern Belle
  • Satellite
  • Colorbars
  • Sunday
  • Ride Into The Sun: Conclusion

Besetzung:

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